MEIN BABY IST MEIN GRÖßTER YOGALEHRER


 

Wenn ein Baby in unser Leben tritt verändert sich so einiges. Und wenn dann noch ein zweites oder drittes hinterherrutscht verändert sich alles. Plötzlich können wir nicht mehr tun und lassen, was wir wollen, sondern richten unser ganzes Leben um dieses Wesen herum neu ein. Man hat quasi von einem Tag auf den anderen eine eigene Familie zu managen und damit echte Verantwortung zu tragen. Bis dato hatten wir vielleicht schon genug damit zu tun unser eigenes Leben im Griff zu haben. Freizeitprogramme wie Yogastunden, Festivals, Konzerte oder einfach nur mal spontan mit Freunden ausgehen - all das ist gar nicht mehr so einfach umzusetzen. Und viele von uns trauern sicher manchmal der Freiheit hinterher, Entscheidungen nur für sich allein treffen zu dürfen. Eben einfach mal spontan zu sein.
Es ist alles anders nach der Geburt eines neuen Erdenwesens. Und trotzdem sind wir uns einig: es ist  wunderschön ein eigenes Baby zu haben und es kann sogar sehr inspirierend sein. Auch wenn wir manchmal am liebsten mitbrüllen würden, wenn mal wieder keine noch so gut gemeinte Besänftigung bei unseren Kleinen fruchten möchte. Babys sind ganz wunderbare Wesen. Und vielleicht, gerade weil es nicht immer ganz einfach ist, können wir so unglaublich viel von ihnen lernen. Über uns. Und über das ganze Leben. Sie inspirieren uns zu Ausgeglichenheit, innerer Ruhe und Gelassenheit.
Das Geheimnis kindlichen Glücks: Kinder sind noch nicht gefärbt durch ihre Umwelt. Sie überlegen nicht wie sie agieren sollten um einen guten Eindruck zu hinterlassen. Sie sind nicht diplomatisch. Alles, was sie tun ist echt. Es kommt aus ihrem Herzen. Und dabei zeigen sie uns ganz unverblümt, was es heisst im Moment zu leben. Bewusst da zu sein. Kinder leben immer im "Jetzt". Alles andere interessiert sie nicht. Sie sind aufmerksam und haben ein sehr gutes Gespür für Stimmungen und Gefühle. Und sie halten uns sofort den Spiegel vor Augen, wenn wir mal nicht ganz bei der Sache sind. Kinder erinnern uns täglich daran, ein Leben in Fülle und Liebe zu leben und ermahnen uns indirekt gute Werte vorzuleben. Schliesslich nehmen wir unsere Aufgabe als Erziehungsberechtigter ernst. Im Gegenzug bereichern sich uns durch ihre bedingungslose Liebe, ihr Vertrauen und ihre Dankbarkeit. Sie zeigen uns wie wichtig es ist verzeihen zu können und vor allem: nicht nachtragend zu sein. Und nicht nur deshalb sind Babys unsere größten Yogalehrer.
Die für mich wohl schwierigste Aufgabe als Mutter zweier Kinder ist es, immer gelassen und einigermassen ruhig und ausgeglichen zu reagieren. Da sind wir wieder beim Thema "gute Werte vorleben".
Wie oft machen die kleinen "Terrorzwerge" uns fast wahnsinnig? Wie oft ist Mama (und Papa auch) nahe am Nervenzusammenbruch? Trotzdem versuchen wir ruhig zu bleiben. Man möchte ja ein gutes Vorbild sein und Trotzanfällen, Wutausbrüchen o.ä. nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken. Die Hoffnung stirbt zuletzt, dass irgendwann alles leichter wird und die lieben Kleinen plötzlich doch noch handzahme, geduldige Menschlein werden.
Ich gerate fast täglich in Situationen, in denen ich mich noch heute über meine "neugewonnene" Geduld wundere... beide Kinder schreien, warum auch immer. Ganz plötzlich. Vielleicht sind sie müde? Ich versuche trotzdem mein Programm durchzuziehen und Abendessen zu machen. Das dauert mal wieder viel zu lange, obwohl ich mittags extra schon Vollkornnudeln vorgekocht habe. Nova ist das zu ist langweilig. "Arme! Arme!" Ich kann sie beim Essen kochen aber nicht auf die Arme nehmen und so bemerke ich kurze Zeit später, dass sie die Tapete mit Kulli verschönert hat. Ich versuche ruhig zu bleiben und ermahne sie, das nicht noch einmal zu tun. Derweil brennt das Gemüse an. Ich bleibe ruhig, pul die schwarzen Stücke raus und schnipple noch eine frische Paprika dazu. Hauptsache, das Abendessen kommt ganz bald auf den Tisch bevor auch noch der Fußboden angemalt wird. Dann greife ich zum Kühlschrank, will Gurken und Tomaten kleinschneiden (das einzige Gemüse, dass Novalie eigentlich immer isst) ...und schneide mich dabei selbst. Aua!! Zähne zusammenbeissen, Pflaster drauf und weiter. Immer schön gelassen bleiben. Dann ein kläglicher Schrei. Lio wird von seiner Schwester so sehr geknutscht, dass er fast erstickt. Ich drehe mich ein bisschen zu schnell um, erwische dabei die Ölflasche mit dem Ellenbogen und bääääähm! Kaputt! Verdammt! Schnell Schuhe anziehen. Die Kinder von den öligen Scherben fernhalten und....ruhig bleiben! Lio weint immer noch. Ach ja, der bekommt ja auch gleich sein Fläschen. Wasser muss aufgesetzt werden, Öl und Scherben noch aufwischen. Das Gemüse ist schon wieder leicht angebrannt. Ok, das wars jetzt. Gurken und Tomaten fertigmachen und beschliessen, dass es statt Gemüsepfanne heute Kinderketchup zu den Nudeln gibt. Ich beruhige mein schlechtes Gewissen damit , dass ich die süße rote Soße im Bioladen gekauft habe und bin froh als endlich beide Kinder in ihren Hochstühlen sitzen, die Lätzchen verteilt sind und es endlich losgehen kann. In der rechten Hand halte ich nun Lios Fläschen, in der linken die eigene Gabel und eine dritte Hand fehlt mir um Nova daran zu hindern das Essen aus ihrem Schälchen erst auf den Tisch, dann in ihre Haare und zu guter Letzt auf den Fußboden zu befördern. Lätzchen sind auch nie groß genug um gegen Tomatensoße anzukommen. Und so müssen nach dem Essen beide Kinder erstmal gebadet und sämtliche Klamotten in Gallseife eingeweicht werden. In der Badewanne geht es dann ähnlich turbulent weiter. Lio kann noch nicht alleine sitzen. Nova hingegen will nicht mehr sitzen, sondern viel lieber am Wasserstrahl stehen und mithilfe kleiner Becher das Wasser aus dem Hahn direkt neben die Wanne schippen. Wieder habe ich mindestens eine Hand zuwenig. Ruhig bleiben. Dann ändert Novi ihr Konzept und findet Spaß daran, den kleinen Lio zu putzen. Der wird dabei total vollgespritzt, wieder Geschrei. Lio also raus, abtrocknen, eincremen, anziehen. Nova quengelt. Will jetzt auch raus. Und zwar sofort! Ruhig bleiben.
Irgendwann sind beide Kinder trocken und frisch angezogen. Die Zähne sind geputzt und wir schauen uns noch ein paar Bücher an. Langsam wird es ruhiger. Hoffe ich. Denn beim Thema "Einschlafen" sind Nova, Lio und ich grundsätzlich unterschiedlicher Meinung. So gibt es noch jede Menge Protest und Geknatsche, aber irgendwann ist es endlich still. Ich nehme einen tiefen Atemzug und danke Gott, dass er mich erlößt hat.
Manch einer wird glauben, ich neige zur Übertreibung und ich bin sicher, dass nur eine Mutter wirklich nachvollziehen kann, wovon ich hier erzähle. Das ist der tägliche Babywahnsinn (jedenfalls, wenn der Nachwuchs ähnlich temperamentvoll ist wie meiner). Rein äusserlich betrachtet sind wir dabei (fast) immer stark. Wie in der Bergposition, tadasana, kann uns nichts erschüttern. Aber innerlich brodelt es in uns. Und das nicht zu knapp. Manchmal möchte man einfach alles laut herausschreien, nimmt sich dann aber doch wieder zurück, reißt sich zusammen. Verdammte Vorbildfunktion! Voller Ruhe, Sanftmut, Geduld und mit liebevoller Strenge begegnen wir unseren Kindern. Mädels, ich finde, wir können echt stolz auf uns sein. Und immer wieder sage ich danke, dass mich die Yogapraxis soweit gebracht hat, dass ich täglich soviel "Terror" aushalte.
Ob sie herzzerreissend schreien oder glücklich und zufrieden schlummern, Babys erden uns, indem sie uns immer wieder daran erinnern, was wirklich wichtig ist im Leben. Babys leben im Urzustand. Das ist der Zustand, den wir Erwachsenen über die Jahre voller Erfahrungen und einschneidenden Erlebnissen mithilfe unserer Yogapraxis wiederherstellen wollen. Um wirklich frei zu sein, Freiheit zu leben und zu fühlen, müssen wir aber wohl monatelang meditierend in einer Höhle fernab von Job und anderen Ablenkungen verschwinden. Und selbst dann, ist es wahrscheinlich nur ein wages Herantasten an diesen Urzustand, mit dem wir irgendwann mal das Licht der Welt erblickt haben. Das Wissen um unser wahres Selbst ist vielen von uns abhanden gekommen. Als Teil einer modernen Gesellschaft ist das aber einfach so und dafür muss sich auch niemand schämen. Trotzdem kann es nicht schaden, sich selbst bewusst zu sein. Wenigstens ein bisschen. Immer mal wieder. Für mehr inneren Frieden und damit auch für mehr Gerechtigkeit und Harmonie in der Welt.
Aber auch Mamis müssen irgendwann mal raus aus der Babyblase. Ganz ehrlich. Das hält man sonst nicht aus. Druck und Spannungen gehen zu lassen ist essenziell um weiter zu "funktionieren" und eine "gute Mutter", Frau und Freundin sein zu können. Vielleicht hilft es dir wirklich mal alles laut herauszuschreien. Dann finde am besten eine Möglichkeit, das fernab deines Kindes zu tun. Das kann sehr befreiend sein. Oder du wählst den ruhigeren Ausgleich durch bewusste Atmung, bei der dich wirklich mal niemand stört. Du hast es dir mehr als verdient. Ein paar Minuten Meditation und Pranayama oder in Kombination mit entspannenden Asanas. Und am Ende mach dir immer wieder bewusst, wie viel mehr Leben und Freude in deinem Leben ist seitdem du dein Baby hast. Jedes Babylachen macht glücklich und es ist einfach ehrlich. Wir wachsen mit unseren Kindern und diese Erfahrung und diesen Reichtum kann uns niemand nehmen. Wenn Du magst, dann schau in eines meiner Yogavideos auf Youtube - mit oder ohne Baby. Finde immer wieder zurück zu dir und lebe achtsam! Denk auch mal an dich! Om, shanti, shanti, shanti!

 

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